Sonntag, 22. November 2009

Studieren in Japan

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich im Moment mein Quarterbreak genieße und euch noch gar nichts von der Uni berichtet habe. Bitte entschuldigt, ich werde es sofort nachholen.

Zunächst einige Informationen zu dem Unisystem hier. Die Studenten werden jedes Semester entsprechend ihrer Noten in A- und B-Studenten eingeteilt. Die A-Studenten dürfen sich aufgrund ihrer guten Leistungen zu erst für die Kurse registrieren. Nachdem die A-Studenten ihre Kurse gewählt haben, haben die B-Studenten die Möglichkeit sich für Kurse zu registrieren. Allerdings gibt es immer nur begrenzte Plätze und so kann es sein, dass die beliebten Kurse bereits von den A-Studenten belegt sind oder nur noch wenige Plätze über sind. Da ich und alle anderen Austauschstudenten an dieser Uni noch keine Leistungen erbracht haben, wurden wir automatisch als B-Student eingestuft und durften uns erst in der zweiten Registrierungsphase vom 25. – 28. September einschreiben. Herr Funaki, der für uns Austauschstudenten verantwortlich ist, warnte uns bereits vor, dass es am ersten Tag der Registrierung meistens zu einer Überlastung des Servers kommt, deswegen werden die Internetzugänge (man registriert sich für die Kurse über das Internet) priorisiert. Das bedeutet für uns, dass wir nicht den Internetzugang in unserem Zimmer, sondern lieber die öffentlichen Computer auf den Campus benutzen sollten. Gesagt, getan. Ich habe mich also mit Timo um halb zehn bei den öffentlichen Computern getroffen. Um zehn fing die Registrierung an und wir wollten auf jeden Fall noch einen Platz bekommen. Der Internetraum war auch schon gut gefüllt und wir setzen uns an die letzten zwei zusammenhängenden Computer und nutzten die freie Zeit zum chatten. Der Link wurde erst um punkt zehn Uhr aktiviert, also hatten wir noch ein bisschen Zeit. Plötzlich begann es lauter zu werden und alle Studenten klapperten eifrig auf ihrer Tastatur. Ein Blick auf die Uhr: zwei Minuten vor zehn. Auch ich lies mich von der allgemeinen Nervosität anstecken und rief schnell die Seite zur Kursregistrierung auf. Der Link war immer noch nicht aktiv. Es wurde immer lauter und hektischer in dem Computerraum und auf einmal: Der Link war aktiv. Schnell draufklicken, Kurse aussuchen, speichern. Yes! Ich habe alle meine Kurse bekommen. Auch neben mir schreiten immer mehr Studenten glücklich auf (und das ist keineswegs übertrieben), umarmten sich und fingen glücklich an zu brabbeln.

Am 1. Oktober fing die Uni an und ich besuchte meine ersten Kurse: Entrepreneurship, Japanisch, Development Economics und Business Management.

10:35 Uhr: Entrepreneurship. Ach du meine Güte. Welche Sprache spricht der Typ? Ich verstehe kein einziges Wort. Die erste halbe Stunde beginne ich zu verzweifeln und David, der Spanier, textet mich die ganze Zeit damit zu, dass er den Typ nicht verstehen kann, dass das ja wohl eine Zumutung wäre und dass er den Kurs auf jeden Fall abwählen würde. Danke, dass half mir auch nicht gerade weiter. Ein Glück, jedoch, dass der Mensch so anpassungsfähig ist. Irgendwann begann ich das gesprochene Janglish zu verstehen. Saaaavisu bedeutet also service und lawmatels bedeutet rawmaterials. Gar nicht mal so schwer, wenn man erst mal den Trick raus hat.

12:25 Uhr: Japanisch. Welch Überraschung, meine Japanisch-Lehrerin lebte einige Zeit in Australien und konnte besser Englisch, als der Professor zuvor. Der Nachteil war jedoch, dass sie sich absolut weigerte Englisch zu sprechen. Lediglich die Vokabeln, die wir noch nicht wissen konnten, übersetzte sie und so kam es, dass sie einen Mix aus Englisch und Japanisch sprach, den ich überraschend gut verstehen konnte. Welch eine Erleichterung!

14:15 Uhr: Development Economics. Wieder ein Japaner, der sich mit Englisch versucht. Auch hier war der Akzent eindeutig, allerdings nicht so ausgeprägt wie zuvor. Das lag wahrscheinlich daran, dass der Professor in England studiert hat. Außerdem war er um einiges jünger als der Herr zuvor und, wie ich später erfuhr, der stellvertretende Direktor der Universität. Sein Unterrichtsstil ähnelte dem in Göttingen am ehesten und es wurde später mein Lieblingsfach.

16:05 Uhr: Business Management. Oh mein Gott. Wo bin ich hier gelandet? Zwar war das Englisch hervorragend, denn das Fach wurde von einem Inder unterrichtet, aber wer saß hier mit mir in einem Raum? Verdammt viele „freshmem“, wie sie hier genannt werden. Fleißig schrieben sie alle Bemerkungen des Professors mit und ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz. Außerdem kam mir das Thema verdammt bekannt vor. Der Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz? Irgendwo habe ich das doch schon mal gehört :-P

So viel zu meinem ersten Unitag. Schlafen und weiter geht’s. Freitag, 2. Oktober:

8:45 Uhr: Japanisch. Ich weiß, die erste Stunde fängt hier eine halbe Stunde später an als in Göttingen, aber es ist immer noch verdammt früh. Vor allem wenn man bedenkt, dass es in Deutschland gerade mitten in der Nacht ist. Zum Glück, konnte ich nach dem Unterricht wieder in mein Bettchen kriechen.

17:55 Uhr: International Management. Oh der Herr Professor ist etwas ganz besonderes. Erstens, er ist Australier und somit sowieso schon mal viel besser als alle anderen und zweitens, der Herr wohnt in Tokyo. Da er gerne jedes Wochenende nach Hause fliegen möchte, kann er auf keinen Fall Freitags um 18 Uhr unterrichten. Ob es uns was ausmachen würde, am Dienstag eine Doppelstunde einzulegen? Nein, natürlich nicht. Schließlich hatten wir Freitag abends auch was besseres vor und außerdem hatte ich dann nur die erste Stunde und anschließend Wochenende!

Es geht weiter mit Montag, 5. Oktober.

12:25 Uhr: Japanisch. Was soll ich dazu noch sagen? Verdammt viele Hausaufgaben...

14:15 Uhr: Development Economics. Auch hierzu habe ich mich bereits geäußert. Und das war dann auch schon mein Montag. Angenehm, oder?

Dienstag, 6. Oktober:

8:45 Uhr: Japanisch. Ja, ich habe hier jeden Tag Japanisch-Unterricht ;)

10:35 Uhr: International Trade. Oh ja, International Trade. Ein sehr interessantes Fach. Na ja, geht so. Aber der Professor ist verdammt lustig. Auch er spricht ein wunderschönen Janglish, an das ich mich zum Glück bereits sehr gewöhnt habe. Allerdings hat er noch einen kleinen Bonus. Er ist witzig. Zumindest denkt er das. Aber weil er seine ultra flachen Witze („25 years ago, when I was born.“), die sich übrigens ständig wiederholen, mit einem so niedliche Akzent und einem noch niedlicheren verschmitzten Lächeln vorträgt, nimmt ihm das keiner Übel. Übrigens: der Herr ist auf jeden Fall über sechzig, wenn nicht noch älter. Außerdem wechselt er manchmal versehentlich ins Japanisch, woraufhin nur noch die eine Hälfte der Klasse lacht und die andere verstört an die Decke schaut. Doch dank Japanisch-Unterricht kann ich sogar einiges verstehen.

12:30 Uhr: Ich sitze zu Hause vor meinem Laptop und nutze die Correction Period. Denn bis abends um sechs Uhr können wir unsere Kurse noch mal wechseln. Danach ist allerdings nichts mehr möglich. Ich wähle also Business Management ab. Kenne ich schon und ist eh ein bisschen überfüllt.

17:55 Uhr: International Management. Meine erste Doppelstunde. Moment, lasst mich euch das vorrechnen: Normalerweise geht die sechste Stunde bis 19:30. Das bedeutet, eine Doppelstunde geht bis 21:05 Uhr. Ok, kein Problem. Vielleicht sollte ich mir nur vorsichtshalber ein Brötchen oder so einpacken. Fällt schließlich genau in meine Abendbrotzeit. Ein Glück, dass ich was zu Essen mitgebracht habe. Denn da der Herr ja etwas so besonderes ist, haben wir ein wenig überzogen. Erst als die ersten Studenten mit ihren Füßchen gescharrt haben, weil der letzte Bus nach Beppu runter um 22:30 geht, bemerkte er, dass er vielleicht mal Schluss machen könnte. Entschuldigung, aber mehr als eine Stunde zu überziehen ist echt schon ne Frechheit. In Göttingen hätten die Studenten einfach den Hörsaal verlassen. Aber nicht in Japan. Den lieben Professor (oder auf japanisch: Sensei) darf man hier auf keinen Fall kritisieren und erst recht nicht den besagten Professor, denn er ist ja so toll. Tut mir Leid, aber der Herr geht mir verdammt auf den ... . Er denkt doch tatsächlich, dass er der Held der Uni ist und die komischen Studenten hier kriechen ihm auch noch alle in den Allerwertesten. Ich weiß echt nicht, wie ich das überleben soll. Warum ist diese verdammt Correction Period schon vorbei?

Mittwoch, 7. Oktober: Keine Uni! Mittwoch gibt es keine reguläre Uni, denn an diesem Tag gibt es nur Workshops für die Studenten im ersten und im zweiten Semester. In diesen Workshops lernen sie, wie man einen Aufsatz schreibt oder sich auf eine Klausur vorbereitet. Ich frage mich manchmal wirklich, was die Japaner in der Schule gelernt haben...

So, dass war meine erste Uni-Woche. Es sieht vielleicht nicht nach sehr viel Unterricht aus, allerdings wir hier in Japan die Uni ein wenig anders interpretiert als in Deutschland. Ich muss hier in jedem Fach mindestens eine Präsentation halten und mehrere Reporte, Analysen, Hausarbeiten, und Fallstudien bearbeiten. Dementsprechend war ich das Semester über verdammt gut beschäftigt. Das lag allerdings hauptsächlich auch an meinem International Management Professor, der uns jede Woche mehrere hundert Seiten zu lesen, die dazugehörigen Chapter Quizzes und dann auch noch die bereits aufgezählten übrigen Hausaufgaben auf gab. Ja, es gibt sie überall auf der Welt: die Professoren, die denken ihr Fach ist das wichtigste der Welt.

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